Mitgliederportrait Hechtfilm

9:56 Uhr. Das Zentralwerk in Dresden. Ich sitze auf einer kleinen Mauer in der Sonne, als Michael Sommermeyer mit grünen Ford in die letzte Parklücke direkt vor der Eingangstür einlenkt. Er wollte schon längst dagewesen sein, entschuldigt er sich sofort, aber ein Termin habe ihn aufgehalten. Während des gefühlt 5-minütigen gemeinsamen Weges durch die Flure des Zentralwerks, gelangen wir in das Büro von hechtfilm. Gemütlich, so mein erster Eindruck. Eine Couch, eine alte Anrichte und etliche gut gefüllte Regale lassen das Büro wie eine klassische Kreativwerkstatt wirken.

Wenige Minuten später steht Barbara Lubich im Raum. Sie ist das andere Gesicht von hechtfilm und sie ist die Regisseurin des Langzeit-Dokumentarfilmprojekts „Im Umbruch“, weswegen ich heute hier bin.

„Im Umbruch“ ist ein Film über drei Tänzerinnen, starke Frauen – androgyn und weiblich – unkonform und doch in der Rolle; er verhandelt „Umbruch“ als politisches und persönliches Thema. Im Mittelpunkt steht die ostdeutsche Ikone der Improvisation Fine Kwiatkowski. Fine inspirierte, irritierte und begeisterte ihr Publikum. Der Sound ihrer Band war eine Mischung aus Free Jazz und Industrial Noise. Für die Menschen, die Fine´s Performances in den achtziger Jahren erlebten, war sie die Verkörperung des Ausbrechen-Wollens aus einer stagnierenden Gesellschaft. Ihrer permanenten Reibung im System DDR folgte der konsequente Ausbruch aus dem System, erfahre ich von Barbara. „Sie ist ausgestiegen und hat ihre Heimat in der einsamen Natur Mecklenburgs gefunden, wo sie sich politisch gegen Rechts engagiert.“ Der Film endet mit einem Neuanfang: Fine zieht weiter.“

Daniela Lehmann, ebenso Protagonistin, trägt das Erbe ihrer DDR-Kindheit und sucht heute noch ihre Heimat. Sie zog mit frisch geborener Tochter nach Dahab (Ägypten). Der Film begleitet ihr freies Leben am Roten Meer und ihre Rückkehr nach Deutschland.

Die dritte Frau im Film ist Cindy Hammer. „Sie ist in einem neuen System aufgewachsen. Sie vereint Gegensätze und bricht sie auf. Das moderne Pendant zu Fine, eine zukünftige Ikone? Sie scheint ihre Heimat in sich zu tragen: Sie ist ein Dresdner Kind, sie ist verwurzelt in der Stadt und bewegt sich sicher“, so Barbara. Wie bereits im Dokumentarfilmprojekt „Come Together. Dresden und der 13. Februar“ beschäftigt sich „Im Umbruch“ mit dem Wirken der Vergangenheit in die Gegenwart. Auch dieses Mal fußt das Filmprojekt auf intensiver Forschungsarbeit und langjährigen Recherchen.

2005 findet das erste Interview zwischen Fine und Barbara statt. Damals begann alles im Rahmen ihrer Forschungen für die Dissertation, in der sie sich mit der noch jungen interdisziplinären Aufarbeitung der Kunstentwicklung der DDR beschäftigte.

„Alles was mich beschäftigt ist Langzeit. Ich entwickle Themen über mehrere Projekte. Das ist tatsächlich mein Selbstverständnis. Film ist wiederum mein Medium. Das entspricht meiner Denkweise. Selbst wenn ich schreibe, collagiere ich. Ich bin im Dokumentarfilm zuhause – definitiv.“

Mich interessiert, wie viel Barbara und wie viel Michael in diesem Projekt stecken und erfahre, dass es dieses Mal, anders als es bei ihrem Dokumentarfilm „Banda Internationale“ war, eine klare Gewaltenteilung gibt.

Während sich Michael um die Antragstellung und die Budgetierung kümmert, und gelegentlich als Assistenz für Kamera und Ton einspringt, arbeitet Barbara inhaltlich. „Ich fungiere für Barbara als „Feedbackmedium“, auch wenn ich im Thema nicht annähernd so tief drin bin, lächelt Michael, und klärt auf, dass es natürlich vorab viele gemeinsame Gespräche gab, bevor das Filmkonzept stand. Dazu ergänzt Barbara: „Michael ist derjenige, der meinen ganzen Wahnsinn abkriegt, damit ich mich sortieren kann…muss.“

Der Film schichtet, reflektiert und überlagert Aussagen, Bewegungen und Bilder von damals und heute und geht dabei auf die Suche nach dem Zugang zu einer Umbruchszeit, in der die Improvisation eine besondere Bedeutung hatte. Dabei setzt Lubich das Archivmaterial, das hauptsächlich aus Privatquellen stammt, nicht illustrierend ein, sondern versucht vielmehr ein Lebensgefühl dadurch zu vermitteln.

Es gibt zahlreiche professionelle Fotografien, ebenso private Aufnahmen von der Tourzeit, es gibt Statements von Musikern und Künstlern, die mit Fine zusammenarbeiteten und es gibt Filmaufnahmen, wie von Lutz Dammbeck. Ob letztgenannte den Weg in den Film finden, ist sich Lubich noch gar nicht sicher und verweist auf das begrenzte Budget, was für „Im Umbruch“ zur Verfügung steht.

„Ich habe 10 Jahre meines Lebens damit verbracht, dieses Material zu sichten, zu sichern, zu katalogisieren und vor allem zu verstehen. Das war eine Mordsarbeit. Gerade die ‚Szene‘ hat vor allem ganz wenig Material aus den 70er/80-er Jahren, weil sie einfach nicht so viele Möglichkeiten hatte, ihre eigene Arbeit zu dokumentieren. “

Eigentlich sollten wir mit „Im Umbruch“ schon ein Stück weiter sein, erzählt mir Michael, „aber wir hatten dieses Jahr so viele Projekte.“ „Es ist wieder ein wahnsinnig schmales Budget, was es schon möglich macht, so einen Film zu realisieren, fährt Michael fort, aber man kann den dann nicht so machen, dass man sagt: Ich nehme mir jetzt ausschließlich die Zeit dafür. Es ist einfach so, dass man dazu parallel andere Projekte zum Gelderwerb fahren muss, sonst funktioniert es nicht.“

Lange haben sie darum gekämpft, eine Verwertung hinzukriegen, doch weder ein Verleih noch die wirtschaftliche Filmförderung wollten beim Projekt einsteigen. Doch an eine klassische Kinoauswertung haben beide nie geglaubt. Eher wollen sie die Kooperation mit über 20 Partnern nutzen, die ihr Interesse am Projekt bekundet haben. Das sind Museen, Archive Kulturstätten und Vereine, die sich für das Thema interessieren – vom MoMa über die Jazzwerkstatt Peitz bis zum Tanzfilminstitut Bremen.

Unterstützt wurde hechtfilm von Anfang an von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und dem Kulturamt Dresden. Ende letzten Jahres kam die Sächsische Landesmedienanstalt (SLM) dazu, als hechtfilm es gar nicht mehr für möglich hielt.

Ich lerne Hechtfilm als ein „Instrument“ kennen, das eine eigene Dynamik hat. Jeder bringt seine Projekte ein, auch wenn letztlich nicht alles über hechtfilm läuft. „Das sind Abläufe und Spezialisierungen, die sich ergeben“, so Barbara und ergänzt: „Was ich mir wünsche, ist, dass wir eine Form finden, wie man das Konstrukt in seiner Spezifik auch stärkt. Es ist ja ein funktionierendes Konstrukt. Eigentlich sind viele Filmemacher oder Autoren auf der Suche nach genau solchen Konstrukten, die das Filmemachen ermöglichen sollen. Wir haben unser eigenes Instrument geschaffen. Das schätze ich sehr. Wir wollen gerne seine Entwicklung vorantreiben. Dabei muss es aber nicht zwingend um mehr Projekte gehen, sondern einfach die Finanzierung normal werden.“

Autorin: Jana Endruschat

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