Die meisten Culture-Clash-Komödien beginnen mit Chaos, dann kommt die Hochzeit und das Happy End des Films. Im Leben von Susanne Kim und Jeong Rae war es genau anders herum. Die Leipziger Dokumentarfilmemacherin (»Trockenschwimmen«) verliebte sich in den Koreaner. Nach anderthalb Jahren heiratete sie nicht nur ihn, sondern eine ganze Familiengeschichte, von der sie nichts ahnte.
Die Sprache bleibt nicht die einzige Barriere in ihrem Leben. Ihre gemeinsame Tochter Hannah kam, Jeong Rae ging – in die Welt und schließlich zurück nach Korea, um Geld für die Familie zu verdienen, wie er sagt. In Deutschland könne er nicht leben, sagt er. Weil er sich hier wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt fühlt. Die Jahre vergingen. Die Hälfte der Zeit war Susanne Kim allein mit ihrer Tochter, immer in der Hoffnung, dass er vielleicht doch irgendwann ganz zu ihnen zurückkehrt. Als Jeong Rae schließlich beschließt, ein Hähnchenrestaurant in Korea zu eröffnen, ist das Maß voll. Susanne Kim reist mit der Tochter und ihrer Kamera zu ihm, um zu ergründen, ob ihre Beziehung eine Zukunft hat.
»Vielleicht habe ich mich selber in diesen Film reingetrickst«, sagt die Regisseurin, »es gab schon Momente, wo ich gedacht habe, jetzt reicht es eigentlich. Aber da hab ich ja dann den Film gedreht.« Über die eigene kulturelle Prägung und gesellschaftliche Wertevorstellungen habe Kim sich schon immer Gedanken macht. »In dem Film war es dann für mich noch offensichtlicher, auch in Hinsicht auf die Dramaturgie.« Zum Beispiel wenn es darum ging, wie Jeong Raes Mutter Sun Ja dargestellt wird; eine alte, koreanische Frau, die kocht, putzt, sich für die Familie aufopfert. »Sie hat schon diese klassische Rolle und auch ein sehr traditionelles Denken – aber das ist sie halt auch«, erklärt Kim. »Was aber nicht heißt, dass sie nicht auch ein sehr offener Mensch ist.«
Um diesen Blick zu schärfen, hat Kim für den Film mit der koreanische Editorin Jin Ju Lee zusammengearbeitet. Gemeinsam verweben sie die Handlung, meist gefilmt von Kim selbst, mit künstlerischen Sequenzen: Bilder, die ein Diaprojektor wie ein übergroßes Fotoalbum an Zimmerwände wirft, inszenierte Szenen, in denen Kim sich in Schürze zwischen das dreckige Geschirr auf der Küchenzeile legt. Einmal, erzählt sie im Film, träumt sie von Hühnern. Und dann läuft Kim in einem überdimensionalen Huhn-Kostüm über ein Feld.
Diese Momente geben »Becoming Kim«, der mitunter ein schmerzhaft ehrlicher Einblick in eine interkulturelle Beziehung ist, einen absurden Humor. Susanne Kims sehenswerter Dokumentarfilm richtet die Kamera ins Innere und erzählt wundervoll offen von den bedrückenden, aber auch heiteren Momenten im Leben. Seine Weltpremiere feierte er beim Jeonju International Film Festival und im Anschluss seine Europapremiere beim DOK.fest München.
»Becoming Kim«
Deutschland 2026, Regie: Susanne Kim, 90 Min.