Filmemacher, Archivar, Zeitzeuge: Ernst Hirsch wird in diesem Jahr 90. Aus diesem Anlass präsentiert SAVE beim Filmfest Dresden und bei der Museumsnacht eine kleine Retrospektive seines Werks.
Das alte Dresden, prächtige Residenz der Wettiner Kurfürsten, Perle des Barock – es sind Zuschreibungen wie diese, die das Selbstverständnis der sächsischen Hauptstadt bis heute prägen. Dieses Dresden ist im Zweiten Weltkrieg in Flammen aufgegangen, ein Schicksal, das im kollektiven Gedächtnis bis heute präsent ist. Dazu trug womöglich auch die Stellung der Stadt als führender Produktionsstandort von Fotoapparaten, Filmkameras und Filmmaterial in Europa bei. Das Material musste ja ausprobiert werden und so entstanden von all der barocken Pracht nicht nur unzählige Fotos, sondern auch zahlreiche bewegte Bilder. Dass viele davon erhalten sind, haben wir Ernst Hirsch zu verdanken.
Film- und Kamerasammlung in öffentlicher Hand
Der Dresdner Kameramann, Dokumentarfilmer und Regisseur trug in seinem privaten Archiv zahlreiche historische Filme über Dresden zusammen, die ältesten stammen von 1903. Aber es ist nicht nur die Sammlerleidenschaft, die Ernst Hirsch den Beinamen „Das Auge von Dresden“ einbrachte. Als Neunjähriger erlebte er den Untergang der Stadt, ihren Wiederaufbau begleitete er selbst über viele Jahre mit der Filmkamera und setzte den Kunstwerken und den Kunstschaffenden Dresdens zahlreiche dokumentarische Denkmale.
Einen Teil des Archivs digitalisierten die SLUB und der Filmverband Sachsen bereits 2018 im Rahmen ihres gemeinsamen Programms zur Sicherung des audio-visuellen Erbes in Sachsen (SAVE). Im Jahr 2025 erwarben die SLUB und die Museen der Stadt Dresden dann die gesamte Film- und Kamerasammlung von Ernst Hirsch. In diesem Jahr feiert er nun seinen 90. Geburtstag – Grund genug, dass „seine“ Stadt ihn ein bisschen feiert: SAVE zeigt beim Filmfest Dresden Werke des Filmemachers und einen Kurzfilm aus seinem Archiv – eine kleine Retrospektive und ein Vorgeschmack auf die Anfang Mai folgende Ausstellung „Universum Dresden“ in den Technischen Sammlungen.
Dresden als Shooting-Star
Die Werkschau startet mit dem Amateur-Kurzfilm „Das schöne Dresden“ von Gerhard Schneider aus dem Hirsch-Archiv von 1936. Ernst Hirsch selbst erlebte die Zerstörung einige Jahre später als Neunjähriger mit. Erste Schritte als Kameramann ging er in den Ruinen der Stadt; mit 16 Jahren filmte er die Sprengung der ersten Carolabrücke, beziehungsweise dessen, was von ihr nach dem Krieg noch übrig war. Doch Hirschs besonderes Augenmerk galt dem Wiederaufbau: Über Jahre hinweg dokumentierte er die Arbeiten im Zwinger, die Rekonstruktion der Katholischen Hofkirche und die Neugestaltung des Areals rund um den Altmarkt.
Obwohl der Tonfilm längst erfunden war, verzichteten Dokumentarfilmer selbst in den 1950er Jahren oft noch auf aufwendige Audioaufnahmen vor Ort. So hielt es auch Ernst Hirsch, der in dieser Zeit für das noch sehr junge Fernsehen arbeitete: Die Filmrollen nebst Rohtext gingen per Bahn von Dresden nach Berlin, dort wurden im Studio Geräusche und Voice-over hinzugefügt. In der Sammlung erhalten ist zumeist das stumme Drehmaterial, das zuweilen überraschend andere Perspektiven zeigt als der fertige Fernsehbericht. Für die Retrospektive begleitet Johannes Gerstengarbe dieses stumme Material musikalisch live an der Gitarre.
Frauenkirche und Bohème
In den 1980er Jahren waren die meisten kriegsbedingten Ruinen verschwunden – eine Ausnahme bildete die Frauenkirche. Die Dokumentation ihres Wiederaufbaus von 1993 bis 2005 sieht Ernst Hirsch als Krönung seines Lebenswerks. Aus über 400 Stunden Videomaterial entstand eine siebenteilige Reihe, die begleitend zum Baufortschritt auf VHS-Kassetten erschien. Im Jahr 2005 kam ein dreißigminütiger Zusammenschnitt hinzu, der nun in Auszügen Teil der Retrospektive ist.
Ernst Hirsch war nicht nur treuer Chronist seiner Stadt, sondern auch Teil ihrer Gesellschaft. In seinem Fall bedeutete das vor 1989 sowohl beruflich wie privat: Teil des für DDR-Verhältnisse eher unangepassten Teils. Bereits 1968 kündigte seine Festanstellung beim Staatsfernsehen und machte sich als freischaffender Kameramann selbstständig. Ein Karriereschritt wie dieser war in einer Gesellschaft mit totalitären Zügen nicht wirklich vorgesehen und hätte sein professionelles Aus bedeuten können. Doch Hirsch gelang es, in der beengten Medienbranche der DDR seine freiberufliche Nische zu finden. Einen sozialen Rückzugsraum fand er am Dresdner Elbhang, wo sich eine dissidente Boheme aus Kulturschaffenden und Lebenskünstlern tummelte und wilde Feste feierte. Ernst Hirsch feierte mit und hatte auch dort teilweise die Kamera dabei – etwa bei einem Gartenfest seines Filmkollegen Heinz Wittig in Graupa, das ebenfalls Teil der SAVE-Retrospektive ist. Diese Bandbreite ist es, die Hirschs Lebenswerk so besonders macht: Er archivierte nicht nur die offizielle Seite Dresdens, sondern das gelebte Leben einer Stadt in all ihrer Vielfalt.
Das Auge von Dresden – Retrospektive Ernst Hirsch
Filmfest Dresden: Lingnerschloss 15.4., 19 Uhr, Schauburg 19.4., 17.30 Uhr
Museumsnacht: Technische Sammlungen 20.6., Uhrzeit tba
Universum Dresden – Der Filmemacher und Filmsammler Ernst Hirsch
Technische Sammlungen 9.5. – 25.10.
Ernst Hirsch in der SLUB-Mediathek