DOK Leipzig ist zu Ende – und hinterlässt den Eindruck eines Festivals, das nicht nur Filme zeigt, sondern die Stadt prägt. Zwischen Vorstellungen, Gesprächen und Begegnungen begegneten sich Filmstudierende, Fachpublikum und ein breites, neugieriges Kinopublikum. Viele Vorstellungen waren ausverkauft. Es war die erste Ausgabe unter der neuen Festivalleitung Ola Staszel, die im Januar die Nachfolge von Christoph Terhechte angetreten war.

Das Programm war durchzogen von zahlreichen Weltpremieren und eröffnete mit dem vielbeachteten »Guten Abend, du Schöne« von Ina Borrmann. Der Film knüpft an Maxie Wanders 1977 veröffentlichtes Buch »Guten Morgen, du Schöne« an. Borrmann trifft darin Frauen, deren Gespräche mit Wander die Grundlage für die literarischen Porträts des Buches bildeten, und befragt sie fast fünf Jahrzehnte später erneut zu ihrem Leben. Überhaupt war die starke Präsenz von weiblichen Filmemacherinnen und Perspektiven im gesamten Festival spürbar, sowohl vor und hinter der Kamera als auch im Orgateam.

film.land.sachsen-Preis für Filmkultur im ländlichen Raum bei DOK Leipzig

Zum dritten Mal wurde der film.land.sachsen-Preis für Filmkultur im ländlichen Raum vergeben. Die Auszeichnung geht in diesem Jahr an den Film »Garten der Hoffnung« von Regisseur Dieter Schumann. Der Dokumentarfilm begleitet Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem Gemeinschaftsgarten in der Schweriner Plattenbausiedlung Großer Dreesch. Bei der Verleihung nahmen Michael Kockot (Kameramann, 1. v. li.) und Jana Cisar (Produzentin 2. v. li.) den Preis aus den Händen der Jury entgegen, die sich in diesem Jahr Barbara Wallbraun (Regisseurin »Uferfrauen«, film.land.sachsen-Moderatorin 1. v. r. ), Alina Cyranek (Regisseurin, 2. Vorsitzende Filmverband Sachsen, Mitte) und Mario Kegel (Uniwerk Pirna, 2. v. re.) zusammensetzte. Der prämierte Film wird im nächsten Jahr natürlich auch in das Programmportfolio von film.land.sachsen aufgenommen und somit auch die Filmschaffenden für Filmgespräche in die Region vermitteln. Am Festivalsamstag wurden noch viele andere Partnerpreise vergeben.

Als Gewinner der Golden Taube für den besten Langfilm im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm wurde Andrei Kutsilas »Letters from the Silenced Country« ausgezeichnet. Der Film verknüpft Zeichnungen und private Briefwechsel politischer Gefangener mit Fotos, Aufnahmen von Polizeieinsätzen und scheinbar banalen Alltagsszenen zu einem visuell und narrativ vielstimmigen Filmzeugnis und zeichnet dabei ein erschütterndes Bild der Verbrechen im heutigen Belarus. Eine Übersicht aller Gewinnerfilme der Goldenen und Silbernen Tauben 2026 gibt es hier.

Filmverband Sachsen bei DOK Leipzig

Auch an anderer Stelle war der Filmverband Sachsen beim Festival vertreten. Am 28. Oktober fand im Rahmen von DOK Leipzig das Werkstattgespräch zu »Suzanne – ein europäischer Animationsdokumentarfilm« statt. Filmproduzent Jean-François Le Corre gab Einblicke in die Praxis internationaler Koproduktionen und zeigte, welche Finanzierungswege, Partnerstrukturen und künstlerischen Entscheidungen für anspruchsvolle Animationsdokumentarfilme entscheidend sind. Einen Tag später brachte der »Filmstammtisch Leipzig Spezial: Musicmakers meet Filmmakers« Musiker*innen und Filmschaffende zusammen. Die Veranstaltung, organisiert vom Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen in Kooperation mit LE:NXT, BPM Sachsen, dem Filmverband Sachsen und der Stadt Leipzig, bot Raum für neue Kontakte und mögliche Kooperationen zwischen Musik- und Filmszene.

Fokus Ost: Erinnerung, Blickwinkel, neue Narrative

Ein besonderer Schwerpunkt des Festivalprogramms war die neue Filmreihe Fokus Ost, kuratiert von Regisseurin und Autorin Grit Lemke. Neben den Filmprojektionen gab es auch ein Gespräch mit Filmschaffenden, deren Filme in der Reihe gezeigt wurden. Im Zentrum stand dabei die Frage, welche ostdeutschen Narrative künftig erzählt werden – und wer sie erzählen darf. Dabei wurde deutlich: Es fehlt nicht an Erinnerung, sondern an Filmen, die das ostdeutsche Erbe in seiner Vielfalt sichtbar machen. Grit Lemke beklagte, dass insgesamt zu wenig Filme über und aus Ostdeutschland entstehen. Dieter Schumann suchte in seinem Beitrag nach dem ostdeutschen Erbe, während Ina Borrmann an den offenen Blick der DEFA erinnerte – eine Filmkultur, die Interesse an gesellschaftlichen Widersprüchen und unterschiedlichen Lebensrealitäten entwickelte. Sonja Hilberger brachte eine weitere wichtige Perspektive ein: Als Person ohne ostdeutsche Sozialisation versteht sie sich selbst als »Fremde« – und zieht aus dieser Außenposition gerade künstlerische Kraft. Ihr Beispiel zeigte, dass ostdeutsche Geschichten nicht ausschließlich von Menschen mit eigener Biografie erzählt werden müssen, wohl aber mit Sensibilität, Recherche und einem offenen Blick.