Text: Anton Schroeder

Anders als Lukas Rietzschels Roman setzt die Verfilmung Mit der Faust in die Welt schlagen von Constanze Klaue nicht unmittelbar nach der Jahrtausendwende ein, sondern 2006 – jenem Jahr, das in der deutschen Erinnerung als „Sommermärchen“ verklärt wird. Deutschlandfahnen waren plötzlich überall, und der Fußball galt als Symbol einer wiedergefundenen Einheit. Klaues Film zeigt ein anderes Deutschland: fernab des WM-Jubels, im fiktiven ostdeutschen Ort Bleschwitz, wo die Brüder Tobi und Philipp aufwachsen. Wer den Trailer mit Buzzwords wie „übersehenes Milieu“ gesehen hat, ahnt, wohin die Reise führt: Die Jungs treiben sich herum, ihr Vater, ein ökonomischer „Wendeverlierer“, baut erfolglos am Eigenheim – und die Orientierung nach rechts beginnt.

Trotz seiner geradlinigen Erzählweise ist der Film kein schwarzweißer Thesenfilm über eine zwangsläufige „ostdeutsche Radikalisierung“. Stattdessen entsteht ein vielschichtiges Porträt der Verhältnisse: die desillusionierten Arbeiter Stefan und Uwe, deren Arbeitsbiografien in der Einheit keinen Platz finden; ihre Frauen, von denen die eine frustriert ist und die andere in den Westen gegangen ist; und die Brüder, die zwischen ökonomischen und sozialen Überforderungen vernachlässigt werden. Institutionelle Angebote außerhalb des halbfertigen Eigenheims fehlen, die weite Landschaft vermittelt Leere statt Möglichkeiten. Es gibt nichts zu tun, niemanden, der sich kümmert.

Auffällig ist die Abwesenheit des Außen. Während im Roman die Twin Towers einstürzen und auf dem Schulhof über die USA diskutiert wird, existiert in der Verfilmung kein Blick über Bleschwitz hinaus. Der „Westen“ bleibt abstrakt, „die Polen“ tauchen gar nicht erst auf. Diese Leerstelle verstärkt das Bild Ostdeutschlands als abgehängte Region. Auch diskursiv ist vieles isoliert – der Anteil ostdeutscher Leser*innen bundesweiter Zeitungen ist gering. Politik dringt erst im Epilog in die Erzählwelt ein, als die ehemalige Schule der Brüder zum Flüchtlingsheim werden soll: „Merkel stinkt“, steht an der Wand.

Klaue erhebt nicht den Anspruch, die Ursachen des Rechtsrucks im Osten zu erklären. Ihr Film verzichtet bewusst auf einfache Antworten, Schuldzuschreibungen und plumpe Klischees. Die Radikalisierung Philipps, des älteren Bruders, erfolgt nicht ideologisch, sondern aus einem Geflecht von Missachtung, Perspektivlosigkeit und emotionalen Lücken heraus. Als ihn der lokale Neonazi Ramon erstmals wirklich beachtet – ihm ein Bier anbietet, mit ihm am Mofa schraubt – zeigt der Film Philipp befreit durch die Rapsfelder radelnd, ein kleiner Jubel auf den Lippen. Doch die anschwellende Musik erklingt in Moll.