Der Traum ist aus. Die Nachricht vom Ende des Filmkunsthauses versetzte die Leipziger Kulturszene Ende 2025 in einen Schockzustand. Nach mehr als zehn Jahren Planungen, Visionen und unzähligen Anträgen ist die Umsetzung vorerst gescheitert. Die Mittel des Bundes, rund 21 Millionen Euro, fließen zum Teil ins geplante Haus der Festivals und die Schaubühne Lindenfels. Der Rest soll verfallen und zurück in die Staatskasse wandern. Damit endete offenbar ein langer Weg voll politischer Erfolge und Rückschläge.

Mit Leidenschaft und Ausdauer hatte die Cinémathèque ihren Traum vorangetrieben. Das geplante Filmkunsthaus sollte weit über ein klassisches Kino hinausgehen: Film als Medium soll mit anderen Künsten, Wissenschaften und gesellschaftspolitischen Diskursen vernetzt werden. Vorgesehen war ein offener, barrierearmer Ort mit mehreren Sälen, flexiblen Räumen, Gastronomie und starken Kooperationen mit Kulturinstitutionen, Hochschulen, sozialen Initiativen und Förderern. Ziel war eine stadt- und landesweit sichtbare Schnittstelle für Filmkultur, Bildung, Medienkompetenz und Austausch.

Die Enttäuschung sitzt tief beim Team der Cinémathèque. Bis zuletzt hatten sie an ihrem Konzept für ein Filmkunsthaus festgehalten und für eine Umsetzung gekämpft. »Wir waren eigentlich zuversichtlich mit dem Standort Kohlrabizirkus«, sagt Sven Röder. »Wir waren jetzt seit einem guten halben Jahr im Austausch mit der Stadt, mit der LEVG, um die Planung voranzutreiben.«

Das Aus kam für alle überraschend. Die Entscheidung, das Projekt nicht weiter zu verfolgen, wurde dem Team in einem Gespräch mit dem Kulturamt mitgeteilt. Alternativen gab es keine, ebensowenig eine Erklärung, die über die Aussage »kein Geld« hinaus ging. Die Stadtverantwortlichen gaben der Cinémathèque zu verstehen, dass sie von nun an von der Standortsuche entbunden seien. Frust machte sich breit im Team der Cinémathèque und das Gefühl, dass die Arbeit von 13 Jahren mit Füßen getreten wird.

Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke versucht sich an einer Erklärung: »Es war zu diesem Zeitpunkt (Oktober 2025, Anm. d. Red.) absehbar, dass an diesem Standort eine Planung bis zum 31.12.2026 nicht auf dem Tisch liegen würde. Das war das eine, das wäre sowieso schon knapp gewesen. Aber es kam noch erschwerend hinzu, dass aufgrund der städtischen Haushaltssituation die Voraussetzungen am Standort Kohlrabizirkus, überhaupt dort baulich tätig zu werden, in absehbarer Zeit nicht geschaffen werden.« Es ging um Regenentwässerung, ein beschlossenes Nutzungskonzept für den Kohlrabizirkus lag noch nicht vor, geschweige denn ein durchdachtes Finanzierungskonzept für den Betrieb und auch für die Sanierung. »Das sind so viele Unbekannte, dass selbst wenn man jetzt eine Planung aufgelegt hätte, in einem seriösen Zeitraum die Umsetzung nicht hätte garantieren können. Nicht an diesem Standort. Und das war zu diesem Zeitpunkt klar. Deswegen hat die Dienstberatung des Oberbürgermeisters gesagt, dann gehen wir diesen Weg auch an diesem Standort nicht weiter.«

Zudem sei die Bewirtschaftung durch die Cinémathèque aus städtischer Sicht nicht umsetzbar gewesen. »Man hätte das Konzept reduzieren und komprimieren müssen«, sagt Jennicke. Genau das hatte die Cinémathèque aber immer wieder getan und war längst von ihrem ursprünglichen Plan eines Hauses mit mehreren Sälen und unterschiedlichen Initiativen an einem Ort, wie es ursprünglich für die Skala entwickelt worden war, abgerückt.

»Niemand ist jetzt froh über diese Entwicklung und das ist auch kein rühmliches Kapitel für die Stadt Leipzig«, gibt Jennicke zu. »Ich habe auch großen Respekt vor der Arbeit, der Mühe und der Leidenschaft, die der Verein als Ganzes in dieses Projekt seit 2013 reingesteckt hat. Ich selbst war zu Beginn auch Mit-Urheberin des ersten Stadtratsantrages dazu, also ich bin diesen Weg über lange Jahre auch mitgegangen. Nur man muss halt irgendwann konstatieren, das Zeitfenster, wo es möglich ist, mit dem Geld, das in Aussicht stand, hat sich im Herbst letzten Jahres geschlossen. Und wir haben jetzt dennoch noch mal einen Versuch unternommen und haben beim BKM nachgefragt, ob wir den Antragszeitraum verlängern können, sodass wir also noch mal Zeit gewinnen, aber das sieht nicht gut aus.«

Trotz der Niederlage gibt sich das Team der Cinémathèque kämpferisch: »Der Traum bleibt bestehen und es ist nach wie vor unser strategisches Ziel, ein Filmkunsthaus zu realisieren«, sagt Röder. »Wir lassen es einfach nicht sein, weil wir anders einfach nicht können.« Und so reifte eine neue Idee, den Traum doch noch zu realisieren – gemeinsam mit der IG Fortuna. Der Verein versucht seit vielen Jahren das Kino der Jugend an der Eisenbahnstraße zu retten. Die Mittel des Bundes könnten da den entscheidenden Schub geben. Das Filmkunsthaus könnte im Nebengebäude entstehen. Dort sitzt derzeit noch die Stadtbeleuchtung. Der Plan der IG Fortuna ist jedoch, das Gebäude mittelfristig zu übernehmen und kulturell nutzbar zu machen. Beide Vereine arbeiten nun konstruktiv darauf hin, ein gemeinsames Konzept umzusetzen.

Doch die Zeit drängt. Bis Ende des Jahres muss bereits eine Ausschreibung erfolgen. Eine erste Version liegt vor, bis Mitte Mai musste ein gemeinsames Konzept erarbeitet werden, inhaltlich, wie die verschiedenen Räume genutzt werden und wie die gemeinsame Rechtsform aussehen soll. Die Umsetzung erfordert neben dem Kulturamt auch eine Koordination mit dem Liegenschaftsamt und der Stadtbeleuchtung. Hier sollte die Stadt ihr Versprechen einlösen, die Cinémathèque bei der Umsetzung zu unterstützen, und vermittelnd tätig werden. Das Kulturamt versichert, man stehe im engen Austausch mit der Cinémathèque und werde beratend bei der Standortsuche und der Umsetzung des Konzeptes tätig werden.

Es könnte die letzte Chance sein, so eine kompaktere Version eines Filmkunsthauses auf die Beine zu stellen. »Angesichts der sich verändernden politischen Verhältnisse werden wahrscheinlich in mittelfristiger Zukunft sowohl für die IG Fortuna als auch für uns nie wieder solche Gelder zur Verfügung stehen, wie sie jetzt gerade theoretisch zur Verfügung stünden«, ist sich Thilo Dierkes von der Cinémathèque sicher. Ein Filmkunsthaus im Leipziger Osten wäre für die Stadt und weit darüber hinaus auch für die Förderung des Medienstandorts ein unschätzbarer Gewinn.

Eine erweiterte Fassung dieses Textes mit einer ausführlichen Chronik des geplanten Filmkunsthauses erschien im kreuzer. https://kreuzer-leipzig.de