Am 26. März trifft sich das neu ins Leben gerufene Leipziger Stoffnetzwerk zum zweiten Mal. Zu diesem Anlass blickt Anna Kaleri zurück auf das erste Treffen im November.
Im November fand in Leipzig unter dem Titel Stoffnetzwerk zum ersten Mal wieder ein vom Filmverband Sachsen unterstütztes Treffen statt, das dem Austausch von Drehbuchautor*innen und anderen am Entstehen guter Stoffe Interessierten diente. Der Abend begann mit der Frage, wie die drei Produzent*innen, die als Gast geladen waren, zu ihren Stoffen kämen, wobei sie an eins ihrer aktuellen Projekte denken sollten.
Den Roman »Superbusen« von Paula Irmschler entdeckte Karsten Stöter von ROW Pictures zufällig über das Feuilleton. Nach Lektüre des Romans bemühte er sich beim Verlag um die Rechte und erhielt zunächst eine Absage. Später erfuhr er, dass Laura von Portatius das Projekt entwickelte. Diese fragte ihn schließlich an, als Koproduzentin einzusteigen, da sie in Leipzig bessere Förderchancen sah. So kehrte das Projekt »wie ein Bumerang« zu ihm zurück.
Maria Kempken von Black Mary Films berichtete, dass ihr Produzentenpartner Joachim Weiler sie auf eine Dokumentation aufmerksam machte, aus der die Idee für eine fiktionale High-End-Serie entstand. Der erste Pitch beim MDR scheiterte, weil es unter anderem etwas Historisches sei, sodass das Projekt ruhte, bis es später gemeinsam mit einem Autor erneut aufgegriffen wurde. Bei weiterer Entwicklung zeigte sich großes Potenzial und wurde zusätzlicher Bedarf an einer Autorin gesehen. Auf eine Empfehlung hin trafen sie beim Filmfest München eine Autorin und »hatten das Gefühl, das matcht sofort menschlich, und inhaltlich konnte sie auch sofort andocken«. Nach mehreren Treffen stellten alle fest, dass die Zusammenarbeit passt. In dieser Konstellation erhielten sie schließlich eine MDR-Förderung.
Thomas Král von Departures Film berichtete von »Ursula«, einem Spielfilm über eine Frau in der Midlifecrisis, die sich zunehmend auf einen KI-Chatbot als eine Art Lifecoach einlässt. Der Stoff kam von zwei Autorinnen aus Berlin und überzeugte ihn sofort durch die Hauptfigur. Das Projekt wurde beim MDR eingereicht, erhielt eine Förderung und befindet sich nun in der zweiten Fassung.
Die Produzentinnen erzählten, dass Kaltakquise selten funktioniere, aber gelegentlich dennoch Projekte daraus entstehen. Entscheidend sei die Art der Ansprache: Eine persönliche, gezielte E-Mail mit 1–2 Absätzen und einer knappen Synopsis werde eher wahrgenommen als Mails mit »Sehr geehrte Damen und Herren« oder Anzeichen von Selbstüberschätzung, also dem »Gefühl, da schreibt einem jemand, der irgendwie in seinem Kämmerchen sitzt und sagt: Ich habe hier die ganz tolle Idee. Aber die ist so geheim und so gut, dass ich die jetzt noch nicht verraten darf« wie es Thomas Král scherzhaft auf den Punkt brachte. Oft zeige schon der Stil der Mail, ob sich das Öffnen des Anhangs lohnt. Schwierig sei auch die Formulierung, jemand habe ein »fertiges Drehbuch«, besser sei beispielsweise von einem Stoff in Entwicklung zu sprechen.
Einfache, gut geschriebene Onepager als pdf helfen, Interesse zu wecken. Vertrauen entstehe eher über Empfehlungen, Branchenkontakte wie z.B. beim MDM Kontakttag oder Treffen auf Festivals.
Auf die Frage, wie auch introvertierte Autor*innen sich erfolgreich zeigen könnten, meinte Maria Kempken: »Ich weiß, dass es für viele Kreative schwierig ist, auf eine Veranstaltung zu gehen und irgendwie mit Leuten in den Dialog zu gehen. Wenn ich einen Pitch sehe, der semi gut war und ich aber trotzdem das Thema gut finde, dann gehe ich eben auf die Person zu und sage Hey, wer bist denn du so? Bei kreativen Menschen gibt`s einige, die eben gerne in ihrem Kämmerchen sind und die anderen suchen lieber draußen. Ich glaube, das ist uns allen bewusst, dass da Autor*innen auch unterschiedlich ticken.“
Noch mal zur »Kaltaquise« per Mail: Ein ganzes Drehbuch mitzuschicken verlange von den Produzent*innen zu viel Zeit, habe aber im Einzelfall auch schon funktioniert. Maria Kempken: »Wenn mir das Thema, die Geschichte, die Figuren gefallen, dann habe ich auch kein Problem damit, weiterzulesen. Der nächste Schritt ist bei mir dann der, dass ich mir entweder eine Leseprobe, eine Dialogprobe oder ein Drehbuch schicken lasse, um den Stil des Schreibens noch besser greifen zu können, um die kreative Handschrift zu verstehen.« Ein Autorenstatement ist für Karsten Stöter fast genauso wichtig. wie die Synopsis. Er wolle wissen: »Wo willst du hin mit dem Stoff? Warum willst du das heute, 2025, erzählen? Was bedeutet das für dich?«
Faktoren, die Produzent*innen sehr früh durch den Kopf gehen neben dem Gefühl, dass es »funkt«, sind passendes Format, Auswertung, Chancen, das Projekt finanziert zu bekommen sowie einen Verleih zu finden. Auch die Stimmung, die der Stoff transportiert, spielt eine Rolle. Dazu Thomas Král: »Ich befasse mich fünf Jahre intensiv mit so einem Thema. Wenn du ein richtig hartes Thema hast, macht es manchmal auch schlechte Laune, während es bei einem leichteren Stoff und Thema vielleicht doch mehr Freude macht, auf Arbeit zu gehen.« Von Vorteil sind Referenzen und auch, wenn an dem Stoff schon einmal mit einer*m Dramaturg*in gearbeitet wurde. Wichtig sei auch die Angabe, wenn Autor*innen gleichzeitig auch Regie führen wollen. »Es ist immer gut, wenn man klar macht, was man sucht und will.« (Karsten Stöter)
Zwar müsse man auch den einen oder anderen produktiven Streit miteinander ausleben, meinte Thomas Král, doch anders als ein Regisseur, so Karsten Stöter, dürfe ein Autor auch »das stille Mäuschen im Kämmerchen sein, solange er dann hinkriegt, mit Nachdruck auch zu sagen Nee, das ist mir aber wichtig.« Karsten beleuchtete, dass die Zusammenarbeit mit Regisseur*innen ein viel höheres Risiko birgt als mit Autor*innen, da Regie zentral für den Film ist. Deshalb müsse vorab ein »Reality-Check« stattfinden: Hat die Regie ein Grundverständnis für Produktionsbedingungen, Kompromisse und Krisenmanagement? Scheitere die Zusammenarbeit mit Autor*innen, koste es vor allem Zeit. Thomas Král ergänzte, dass für ihn die Persönlichkeit eines Autors entscheidend ist – man arbeitet fünf Jahre zusammen, da braucht es menschliche Nähe und geteiltes Verständnis für Stoffe ebenso wie für die Welt. Autor*innen erzählen immer ein wenig auch autobiografisch, daher sei Sympathie wichtig, wobei Unterschiede bereichern könnten. »Es macht diesen Job lebenswert und liebenswert, dass man da jedes Mal dazulernt. Und es ist so, dass immer wieder Dinge aufgehen, die man so nicht erwartet hätte«, sagte Thomas Král. Inhaltlich betonte Karsten Stöter, wie wichtig ihm visuelle, wirklich kinotaugliche Stoffe sind, nicht bloß thematisch. Er frage sich bei jedem Pitch: Warum ist das Kino und nicht Fernsehen? Er sehnt sich nach Filmen, die visuell mutig sind.
Zum Ende des offiziellen Teils wurden die Produzent*innen gefragt, für welche Stoffe sie besonders brennen. Maria Kempken interessieren »weibliche Protagonistinnen und Geschichten von Frauengenerationen. Und dann habe ich ein sehr großes Faible für Liebesgeschichten. Damit kann man bei mir eigentlich immer punkten, egal, ob das in Richtung Comedy geht oder ins tiefste Drama.« Karsten Stöter ist immer für Spannungsthemen zu haben – Themen der Ostsozialisation, Nachkriegszeit, politische Stoffe, gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Aktuell brennt er für das »Superbusen«-Projekt, das von starken Frauen aufgezogen ist. Thomas Král geht es um gesellschaftlich relevante Themen, die zyklisch wiederkehren und in mehreren Jahren noch Bedeutung haben, bei aktuellen Stoffen sind das Emanzipation und Backlashs.
Das »Stoffnetzwerk« ist im Nachgang an den diesjährigen Filmsommer entstanden. Es bringt Kreative zusammen, die in unserer Region Interesse am Entstehen guter Stoffe haben. Bei den Treffen ca. alle drei Monate, organisiert von Markus Engel (Autor und Regisseur) und Anna Kaleri (Autorin), wird es einen Themenschwerpunkt und Gäste geben, um den Austausch anzustoßen. Wer mit in den Mailverteiler des Stoffnetzwerkes möchte, schreibt an mail@markusengel.at