Ein Kulturhaus, das einst die Oberlausitzer Gedenkhalle und Kaiser-Friedrich-Museum war und in dem ein kleines Kino manchmal mit den Tönen lautstarker Aufführungsproben konkurriert; eine große Panoramaleinwand mitten im Umgebindeland, die nicht nur das Erlebnis von 35-mm- und sogar 70-mm-Filmen bietet, sondern im Foyer auch diverse alte Kinoprojektoren, z. B. aus dem Hause Ernemann, versammelt; eine ehemalige Nudelfabrik, in der heutzutage Film- und Theaterveranstaltungen, Workshops, Konzerte, Lesungen und Ausstellungen vereint werden – und in der man auch wohnen kann.
Es sind Orte wie diese, die einen der besonderen Reize des Neiße Filmfestivals ausmachen. 2004 ist das Festival durch die Zusammenarbeit von Filmclubs aus dem sächsischen Großhennersdorf, dem tschechischen Liberec und dem polnischen Jelenia Góra entstanden, um jedes Jahr einen Einblick in das Filmschaffen der drei Länder zu bieten. Fast 20 Veranstaltungsorte verzeichnet das Festival heutzutage im Dreieck Bautzen, Zgorzelec und Liberec – darunter Orte mit nicht einmal 1.000 Einwohner:innen wie das polnische Sieniawka.
Philipp Demankowski, Projektkoordinator für film.land.sachsen beim Filmverband, bekräftigt: »Das Festival ist nicht nur eines der verdientesten seiner Art in Sachsen, sondern dank der familiären Atmosphäre und der dezentralen Struktur ziemlich einzigartig. [Es] macht seit 23 Jahren konsequent gute Arbeit und ist unheimlich dialogstiftend in der Dreiländerregion.« Dass es dabei noch Luft nach oben gibt, zeigt sich etwa, wenn nicht in jedem Kino eine Übersetzung für Fremdsprachige angeboten wird.
Dennoch: Wenn beim Screening eines Kurzfilmprogramms im Görlitzer Camillo-Kino russische und belarussische Filmemacher:innen mit ihren regimekritischen Filmen die Unterstützung des Publikums erfahren, dann ist auch das »ein hervorragendes Beispiel für die Kraft des Films, Grenzen zu überschreiten, Menschen zusammenzubringen und Dialog zu fördern«, wie Demankowski mit Blick auf das gesamte Festival sagt. Dafür ist auch der Preisträger des Spezialpreises, den der Filmverband stiftet und der mit 1.000 Euro dotiert ist, ein gutes Beispiel. In der Laudatio der dreiköpfigen Jury, zu der Demankowski gehört, zum polnischen Spielfilm »Capo« von Robert Kwilman heißt es: »Der Gewinnerfilm erzählt die Geschichte einer Gruppe lateinamerikanischer Menschen, die – gerade in Polen angekommen – auf der Suche nach finanzieller Sicherheit in ein System von Zwangsarbeit gerät. Es ist eine Parabel über Ausbeutung und Identitätsdiebstahl, wobei unterschwellig die Frage gestellt wird, warum diese Netzwerke entstehen können.«
Aber auch andere Themen und einige deutsche Produktionen konnten überzeugen. Besonders »Sechswochenamt« von Jacqueline Jansen, die den mit 10.000 Euro dotierten Preis für den besten Spielfilm bekam – samt neu gestaltetem Neiße-Fisch aus dem tschechischen »Crystal Valley«, einer weltweit einzigartigen Glasregion. Jansen hat ihr Langfilmdebüt überwiegend ohne institutionelle Förderung oder Senderbeteiligung produziert und dafür schon ein paar Preise eingeheimst – so wie ihre Hauptdarstellerin Magdalena Laubisch, die in Leipzig aufgewachsen ist und die trauernde Tochter derart kraftvoll spielt, dass sich die Szenen geradezu einbrennen.
Beeindrucken konnte auch Jelena Ilić mit ihrem sehr persönlichen ersten Langfilm »Eine Krankheit wie ein Gedicht«, der die Filmemacherin und ihren Vater bei der Annäherung zeigt, als er aus der forensischen Psychiatrie entlassen wird. Dabei ist nicht nur dieser Einblick in eine Familie, die mit einer psychischen Erkrankung und ihren Auswirkungen kämpft, äußerst sehenswert, sondern vor allem auch Ilićs vielfältig angewandte Formensprache, die die familiäre Annäherung versinnbildlicht – tauschen Vater und Tochter doch regelmäßig ein Skizzenbuch aus, in dem sie ihre Gefühlswelt zeichnerisch festhalten. Dafür gab es 5.000 Euro für den besten Dokumentarfilm.
Insgesamt 6.000 Besucher:innen fanden an den sechs Festivaltagen Ende Mai in die verschiedenen Spielstätten in der Dreiländerregion an der Neiße und sahen dabei rund 100 Filme und andere Veranstaltungen. Doch die Türen schließen sich nur kurzzeitig – Dialog braucht es schließlich das ganze Jahr.